Studie zu \"Die Netzflickerinnen\"
»Studie zu \"Die Netzflickerinnen\"« ist ein Werk von Max Liebermann aus dem Jahr um 1888, ausgeführt als Bleistift auf Papier.
Als Max Liebermann im Januar 1889 sein Gemälde 'Die Netzflickerinnen' präsentierte, war trotz einiger reaktionärer Stimmen schnell klar, dass es sich hierbei nicht nur um ein Hauptwerk im Schaffen des Künstlers handelte, sondern um eines de… weiterlesen ›
Als Max Liebermann im Januar 1889 sein Gemälde 'Die Netzflickerinnen' präsentierte, war trotz einiger reaktionärer Stimmen schnell klar, dass es sich hierbei nicht nur um ein Hauptwerk im Schaffen des Künstlers handelte, sondern um eines der Schwellenbilder hin zur Moderne in der deutschen Malerei. So empfahl Wilhelm von Bode das Bild folgerichtig auch Alfred Lichtwark zum Ankauf, der es noch im gleichen Jahr für die Hamburger Kunsthalle erwarb und so einen wichtigen Beitrag für sein Projekt zur Förderung der modernen Kunst in Deutschland leistete. Zwar erhielt Liebermann die Anregung für das Bildthema von seinem Freund Jozef Israels in Holland, doch was Liebermann aus diesen Impulsen erschuf, überstieg bei weitem die genrehaften Grenzen, in denen sich nicht nur Israels zu dieser Zeit bewegte. Ohne den Aspekt der Modernität zu stark zu strapazieren, ist doch festzuhalten, dass Liebermann hier keineswegs ein Genrebild, eine Landschaft oder ein anderweitig klassifizierbares Bild schuf. Vielmehr bietet er ein Spielfeld des Blicks, das sich anschickt, über die bloße Darstellung hinaus den Betrachter in den Bann des Bildes zu ziehen. Durch die isolierte Staffelung der Figuren wird der Blick über verschlungene Pfade in den Bildraum hineingeleitet. Das Bild wird so zu einer Art Tiefenornament. Und wie das Ornament durch seine stetige Bewegung den Betrachter nicht in eine sehende Ruhe bettet, so ist auch bei Liebermann die stete Unruhe bestimmendes Bildmotiv. Selbst die Farbe wird Komplize dieses ruhelosen Zustandes: \"Das Auge durfte nicht zum Weilen gezwungen werden, nur Impulse empfangen, nur erregt werden. Daher das Wüten des Spachtels.\" Gerade dieses \"Impulse empfangen\" ist es, was die Modernität ausmacht, denn das Bild ruht nicht in sich, sondern macht deutlich, dass es der Betrachter ist, der diese Collage aus einzelnen Bildelementen durch seinen abschreitenden Blick erst entstehen lässt und zu einem Bild bindet. Unsere Zeichnung lässt sich an das Ende einer Reihe von Vorarbeiten und Entwicklungsstudien Liebermanns zu seinem Gemälde positionieren. Das Blatt gibt bereits die endgültige Figur im Bild wieder. Lediglich die Haltung der rechten Hand wird hier noch durchgeprobt. Mit gekonnten, in der Dicke variierenden und parallel gezogenen Stichen vermittelt Liebermann das existenzielle Gefühl des Gemäldes auch in dieser Zeichnung. Die wenigen Linien lassen die Zerbrechlichkeit der Figur beinahe noch deutlicher zu Tage treten, als dies das Bild vermag, in dem die schwarze Masse der Kleidung noch eine gewisse Standhaftigkeit dem unerbittlichen Wind entgegenzusetzen scheint. In der Zeichnung hingegen erscheint die Figur selbst schon wie verweht, in ihrem eigenen Träumen aufgelöst. Hierin verkörpert sich die unnachahmliche Sensibilität des Bleistifts, die Liebermann stets so hoch geschätzt hat.
Werkangaben
Werkbeschreibung und Zuschreibung: H. W. Fichter Kunsthandel, Frankfurt am Main
Zustand
Sehr guter Zustand. Altersgemäßer Zustand
Schlagworte
Max Liebermann
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